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steiz.eu - Dmitri Steiz aus Brandenburg - Journalist

Das Hühnchen und das Hündchen

INTEGRATION   Zwischen Kampf und Anpassung: Russlanddeutsche Aussiedler in Brandenburg

Eins haben die meisten Russlanddeutschen in Brandenburg gemein: Sie pflegen ihre russischen Kontakte. Die MAZ hat einige von ihnen getroffen.

Mehr als zwei Millionen Aussiedler aus der vormaligen Sowjetunion ließen sich am Ende des 20. Jahrhunderts in Deutschland nieder. Der Höhepunkt war vor 20 Jahren. Seitdem schlugen die Einwanderer unterschiedliche Lebenswege ein. Gelegentlich treffen sie sich, etwa bei den „deutsch-russischen Festtagen“ im Juni in Berlin – ein Fest, das 150000 Besucher lockte. „Die größte Kulturveranstaltung ihrer Art“, wie Jan Wolframm, Vize-Leiter des Vereins „Deutsch-russische Festtage“, mitteilte.

In der Stadt sind aktuell 164 Russen, 225 Ukrainer und 21 Kasachen gemeldet, teilt Standesamtsleiterin Michaela Hoffmann mit. Wie viele Aussiedler und Spätaussiedler in der Havelstadt wohnen, diese Zahl ist in der Verwaltung statistisch nicht erfasst.

Die MAZ hat sich mit vier Bürgern der Stadt getroffen, die über ihre Erfahrungen berichten und über den feinen Unterschied zwischen Hühnchen und Hündchen.

Alexander Beck (31) aus Kasachstan lebt wie die meisten anderen zwischen zwei Kulturen. Seit 12 Jahren ist der gelernte Lastwagenfahrer in Deutschland, seit einem Jahr besitzt er den Laden „Kalinka“ in der Steinstraße und verkauft russische Produkte. Waldemar Bart (25) aus Kasachstan, seit 16 Jahren in Brandenburg, gelernter Industriemechaniker, arbeitet derzeit in einem Bauunternehmen.

Anastasia Gerbel (21) aus Russland, vor 15 Jahren nach Deutschland gekommen, macht zurzeit eine Ausbildung zur Sozialassistentin. Anna Klassen (55) aus Kasachstan, seit 19 Jahren in Deutschland, gelernte Bürokauffrau, arbeitete zuletzt als Verkäuferin.

„Ich fühle mich russisch“
AKTIV   Alexander Beck hat sich seinen Wunsch erfüllt

Alexander Beck (31): „Ja, natürlich betrifft mich das Thema der deutsch-russischen Beziehungen – mich, wie auch alle anderen, die von dort kommen. Ich bin in Kasachstan geboren und groß geworden. Meine Heimat ist dort. Ich kenne die russische Kultur, die Sprache, das Leben, die Mentalität. Ich fühle mich russisch. Nach Deutschland bin ich gekommen, weil das Leben in meiner Heimat hart war, ein Kampf ums nackte Überleben. Im Inneren bin ich aber russisch geblieben. Meine Beziehungen zu den Einheimischen sind unterschiedlich: Freunde und Konflikte – ich habe in Deutschland beides gefunden. Klar wird man mit der Zeit erfahrener, klüger. Ich sage heute: Das Wichtigste ist, einander zu verstehen. Aktiv sein. Ein Ziel vor Augen haben, einen Punkt, auf den du dich konzentrierst, den du verfolgst, zu dem du strebst. So habe ich mir hier meinen Wunsch erfüllt. Ich habe einen eigenen Laden. Dadurch habe ich zugleich Kontakte, Beziehungen zu den Russen, zu den Türken, zu den Einheimischen sowieso. Die ersten Jahre in Deutschland wollte ich zurück in die Heimat. Heute fühle ich mich hier wie Zuhause.“

„Ich wurde anders erzogen“
NORMAL   Besondere Einstellung zu alten Leuten und zum Sex

Anastasia Gerbel (21): „Ich habe zurzeit eindeutig mehr Kontakte zu russischen Leuten. Das soll nicht heißen, dass ich mich dem Leben hier in Deutschland verschließe. Nein. Ich habe russische und deutsche Freunde. Nur ist es so, dass ich mich als Russin fühle. Mein Verhältnis zu den deutschen Mädels ist deswegen manchmal schwierig. Ich verstehe nicht, wie man sich respektlos gegen ältere Menschen verhalten kann. Ich begreife absolut nicht, dass Sex im jungen Alter normal sein soll. Ich wurde da anders erzogen, eher russisch. Ich war im vergangenen Jahr in Russland und fand es toll: Wie eine große Familie in einem großen Land. Deutschland hat auch seine Vorteile, etwa die beruflichen. Das Problem der Ausländer ist die Sprache – ohne die geht nix. Als wir nach Brandenburg kamen, konnten auch wir kein Deutsch. Als wir ein gebratenes Hähnchen bestellen wollten, sagten wir stattdessen „Hündchen“, gemeint war aber „Hühnchen“, im Russischen eben üblich für „Hähnchen“. Wir haben nicht nur den Ladenbesitzer irritiert, sondern auch den Gästen Angst eingejagt nach dem Motto: Vorsicht, hier wird Hundefleisch verkauft! Echt peinlich.“

„Verstehe deutschen Humor“
LAUT   Das ewige Klischee vom Wodka trinkenden Russen

Waldemar Bart (25): „Es prägt sehr, wenn zwei Kulturen aufeinander treffen. Die Menschen sind doch verschieden, ihr Umgang miteinander, die Sprache und wie sie sprechen. Ein Beispiel: Ich spreche mit meinen russischen Kumpels laut, grob, scheinbar aggressiv. Für uns ist das normal. Manche Einheimischen, die uns hören, denken dann aber, dass wir einander an die Gurgel wollen – obwohl wir uns nur über das Wetter unterhalten. Typisch ist auch die Erfahrung als „Scheißrusse“ beschimpft zu werden. Das Klischee von einem Russen, der Wodka säuft und auf Gewalt aus ist, verfolgt mich mein Leben lang. „Scheißrusse“ war auch das erste Wort, das ich in der Schule gelernt habe. Traurig, nicht wahr? Die Ironie ist: Als ich 2007 in Kasachstan war, wollte ich zurück nach Hause – also nach Deutschland. Denn mit den Schwierigkeiten hier kann ich umgehen. Ich habe Deutsch gelernt, kenne die deutsche Mentalität, verstehe den deutschen Humor. Deshalb bin ich heutzutage ganz entspannt, was meine deutsch-russischen Beziehungen angehen: Sie sind sehr gut.“

„Ich lebte mich schnell ein“
DANKBAR   Anfangs Kiwis für Kartoffeln gehalten

Anna Klassen (55): „Ich fühle mich deutsch. Und ich bin dankbar dafür, dass man uns hier in Deutschland aufgenommen und unterstützt hat, bis wir uns auf die eigenen Beine gestellt haben. Ja, am Anfang gab es Schwierigkeiten, doch ich habe mich für Deutschland entschieden, schon früh, und ich habe mich schnell eingelebt. Keiner sagt, dass das einfach war. Ich hatte Angst, wie alle anderen, weil alles neu war. Stellen Sie sich vor, wir haben Kiwis für Kartoffeln gehalten, wir kannten dieses Obst nicht. Eine Bekannte hat mir dann den Rat gegeben, Mut zu fassen und arbeiten zu gehen. Ich bin arbeiten gegangen und habe mit meinen Kollegen ziemlich schnell eine gemeinsame Sprache gefunden. Mit einer deutschen Kollegin habe ich mich angefreundet. Wir haben einander zu Hause besucht, für einander gekocht. Ich kann nicht behaupten, von anderen ein schlechtes Wort erfahren zu haben. Weder hier in Deutschland noch in Russland. Unseren Leuten von dort rate ich, Deutschland als solches hinzunehmen und sich anzupassen, und nicht zu versuchen, daraus ein zweites Russland zu schaffen.“



Dmitri Steiz, Das Hühnchen und das Hündchen. Zwischen Kampf und Anpassung: Russlanddeutsche Aussiedler in Brandenburg, in: Märkische Allgemeine. Zeitung für das Land Brandenburg, Brandenburger Stadtkurier, 7. Juli 2011, S. 17.

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