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steiz.eu - Dmitri Steiz aus Brandenburg - Journalist

Psychoterror im Netz

JUGEND   Das Mobbing unter Schülern setzt sich immer häufiger im Internet fort

Brandenburger Jugendliche werden im Internet beleidigt und bedroht, etwa so: „Lass dich in der Stadt nicht blicken du Schlampe, sonst kriegst du was auf die Fresse!“ „Digitales Mobbing“ nennen das besorgte Sozialarbeiter und Lehrer.

Im Internet gibt es Seiten speziell für Schüler. Sie melden sich auf einer solchen Seite an und können dann von sich erzählen, Verabredungen treffen, mit anderen Schülern plauschen, tratschen oder auch mal lästern. Oft ist das harmlos, doch vor allem zwei dieser Internetseiten sind Fundgruben für Gehässigkeiten und Einschüchterungen.

Die Opfer sind junge Brandenburger. Die erwähnte Beschimpfung als Schlampe trifft ein 15 Jahre junges Mädchen aus der Stadt. Diese Julia (alle Schülernamen geändert) bildet keine Ausnahme. Was früher auf dem Schulhof ausgetragen wurde, wird nun auf hinterhältige Weise im Internetportal getrieben.

Wir haben uns getroffen mit Schülern, Lehrern und Sozialpädagogen im Stadtzentrum und in Hohenstücken. „Digitales Mobbing“ – so nennen die Experten das Diffamieren der Jungs und Mädels online und per Handy. Beleidigende Kommentare im Netz seien fast schon die Regel, berichten 13- bis 17-jährige Schüler, die wir im Jugendhaus „Club am Turm“ in der Schleusener Straße treffen.

„Es kommt öfter vor, dass ich beschimpft werde“, erzählt Stefan. Der 14 Jahre alte Junge wird regelmäßig mit „blöden Kommentaren“ konfrontiert. Besonders ärgerlich findet Stefan, dass manche Täter mehrmals nachsetzen, „draufhauen“ und „keine Grenzen“ kennen.

Eine solche „Täterin“ ist Jenny. Das 14 Jahre alte Mädchen habe keine Angst davor, eigene Mitschüler im Internet zu terrorisieren: „Das ist mir scheißegal, ob die Bratze zu Hause sitzt und heult“, sagt Jenny eiskalt und zeigt ihre fiesen Kommentare. Sowohl der Inhalt als auch die Sprache sind kränkend, das schmutzige F-Wort wird variantenreich gebraucht.

Jungs und Mädchen selbst erklären, dass die meisten Beleidigungen aus Langeweile verbreitet werden. Gemeine Äußerungen provozieren jedoch weiteren Streit und lösen eine Kettenreaktion aus. Susanne (16) schrieb als Reaktion auf „die dummen Witze“ ihres Klassenkameraden: „altah, tickst du noch richtig, schreib nich sone scheisse, du spast“.

Die Gespräche mit den Jugendlichen offenbaren ihren harschen Umgang untereinander. Einige Schüler sind sehr aggressiv gegenüber Gleichaltrigen. So erklärt Jenny ihre skrupellose Art damit, dass „die ganzen Spinner und Hohlköpfe“ sie „ankotzen“ und „aggro machen“.

Eltern, Lehrer und Sozialarbeiter sind besorgt. Marina Eckhardt, die Leiterin der Nicolaischule, berichtet von zwei Müttern, deren Kinder „runter gemacht“ wurden. „Sie waren verzweifelt“, sagt Eckhardt. In vielen Fällen werden die Jugendlichen wegen körperlicher Auffälligkeiten gekränkt, bedauert die Schulleiterin. Der „klassische Fall“ lautet: „Du bist fett“. Am schlimmsten findet die Leiterin der städtischen Oberschule am Nicolaiplatz aber, dass manche Schulkinder „kollektiv“ gemobbt werden.

Das passiert, wenn Mitschüler Partei ergreifen für die Täter und dann gemeinsam über einzelne Schüler herfallen. Die seelische Grausamkeit im Internet beschränkt sich nicht auf einzelne Alters- und Sozialgruppen: „Alle sind involviert“, meint Eckhardt, die Schüler zwischen zwölf und 17 unterrichtet.

Ein Ansprechpartner der Schulleiterin ist Ilja Weißleder. Der 32 Jahre alte Sozialarbeiter vom Caritasverband arbeitet im „Club am Turm“ und ist viermal pro Woche an der Nicolaischule. Er beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit „Cybermobbing“, wie das Schikanieren der Opfer in Fachkreisen genannt wird. Weißleder beobachtet im Jugendklub und in der Schule, dass der Psychoterror junger Menschen der Stadt Brandenburg im Netz zweifelsfrei wachse.

„Cybermobbing nimmt eindeutig zu“, sagt der „Schulsozi“ und erzählt, dass die Kinder und Jugendlichen in ihrer Freizeit belästigt werden, den Stress aber mit „in die Schule tragen, so dass sie im Endeffekt von allem nur noch genervt sind“.

Interview
Kommentare mit Spätfolgen

Zum Thema „digitales Mobbing“ sprach Dmitri Steiz mit Schulsozialarbeiter Ilja Weißleder (32) und Cécile A. Templin (45), Leiterin der Jugendstätte „Club am Turm“ in Hohenstücken.

MAZ: Sind sich die Täter überhaupt bewusst, dass sie ihre Mitmenschen verletzen?
Weißleder: Die Bullys – so werden die Täter genannt – sind sich über die Folgen ihrer Internet-Aktivitäten oft nicht im Klaren. Sie blenden aus, dass ihre Kommentare ihnen eines Tages auf die Füße fallen könnten. Denn das Internet vergisst nicht.

Welche negativen Folgen meinen Sie?
Weißleder: Viele Unternehmen lassen prüfen, ob Lehrstellenbewerber im Internet negativ aufgefallen sind. Kein Arbeitgeber will einen Azubi haben, der andere beschimpft oder bedroht.

Wie reagieren die Eltern auf das Problem der psychischen Gewalt im Internet?
Weißleder: Die Eltern der Mobbingopfer wissen meist nichts davon und sind deshalb passiv. Es wäre daher besser, wenn sie ihren Kindern gelegentlich über die Schulter gucken würden beim Surfen im Internet.

Wie bedeutend ist digitales Mobbing in Brandenburg?
Templin: Wir haben mitbekommen, dass das digitale Mobbing unter den Jugendlichen aus dem Freizeitbereich mit in die Schule getragen wird. Umgekehrt setzt sich das Mobben in der Schule in der Freizeit fort. Es gibt also eine Wechselwirkung zwischen den Problemen in der Schule und dem Stress im Internet. Das Problem darf nicht verharmlost werden.

Was können Jugendliche tun, die von Gleichaltrigen terrorisiert werden?
Templin: Sie sollten sich an Erwachsene ihres Vertrauens wenden: Ob das die Eltern zu Hause, Lehrer oder Mitarbeiter aus dem Jugendklub sind – ich kann die jungen Menschen nur dazu ermuntern, mit uns darüber zu sprechen. Im Notfall, bei massiven Drohungen, sollte die Polizei informiert werden.



Dmitri Steiz, Psychoterror im Netz. Das Mobbing unter Schülern setzt sich immer häufiger im Internet fort, in: Märkische Allgemeine. Zeitung für das Land Brandenburg, Brandenburger Stadtkurier, 26./27. Februar 2011, S. 14.

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