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steiz.eu - Dmitri Steiz aus Brandenburg - Journalist

Panzer, Pulver, Planken

ARCHITEKTUR   Auf Entdeckungsreise entlang des Industrielehrpfades Kirchmöser

Lokomotivfabrik und Pulverpresswerk, Offiziershäuser und Seegarten, Obelisk und Wasserturm. All dies und noch mehr zeigt der Industrielehrpfad Kirchmöser.

Erhard Werner ist ein Kirchmöseraner durch und durch. Seit er vor 59 Jahren in dem Brandenburger Ortsteil das Licht der Welt erblickte, lebt und arbeitet er in seinem Heimatort. Der gelernte Dreher kennt sich aus in Kirchmöser – eine optimale Voraussetzung, um Touristen die Schönheit der Gegend näher zu bringen. Der Drehmaschine den Rücken gekehrt, ist Werner Stadtführer geworden: Er begleitet Besucher auf dem Industrielehrpfad Kirchmöser.

Die Route verläuft durch das 550 Hektar große Industriegelände, auf dem zu Zeiten des Ersten Weltkriegs ein riesiges Pulverwerk entstand: 398 Bauten, die eine großartige Industriearchitektur bilden. Sie sind harmonisch eingebettet in die brandenburgische Seenlandschaft – eine seltene Symbiose aus Architektur und Natur.

„Viele Leute wundern sich, dass die Häuser so toll erhalten sind“, erzählt Werner. Denn der Zustand der meisten Fassaden ist überraschend gut. Die größte Gefahr – den Zweiten Weltkrieg – überstand die Architektur beinah kratzerfrei. Über der Halbinsel Kirchmöser sei „nicht eine Bombe gefallen“, sagt der Pfad-Kenner.

Viele der Bauwerke werden auch heute noch genutzt: Das ehemalige Pulverpresswerk dient bereits seit 1923 als Schule. Darin drückte auch Eberhard Werner seinerzeit die Schulbank. Es ist seit 2004 die erste berufsorientierte Schule von Kirchmöser West.

Mehrfach geändert hat sich in den vergangen Jahrzehnten die Funktion des riesigen Baus am Rande des Ortsteils. Ursprünglich war er ein Lokomotivwerk. In den gewaltigen Werkshallen produzierte die Deutsche Armee zur NS-Zeit und die Rote Armee von 1945 bis 1992 Panzer. Im einst „modernsten Lokgebäude Europas“, wie Erhard Werner sagt, werden nun Stahlschutzplanken fabriziert.

„Nicht kleckern, sondern klotzen“ sei das Motto beim Errichten auch weiterer Bauten gewesen, so Werner. Das Resultat dieser Bauweise scheint die Zeit anzuhalten: Wer sich auf den Pfad begibt, entdeckt Villen und Offiziershäuser, Rathaus und Bahnhof, Seegarten, Obelisk und Badeanstalt.

Höhepunkt und Abschluss des Entdeckungspfads ist der 65 Meter hohe Wasserturm. Der Riese, ursprünglich erbaut, um Brände zu löschen, wird derzeit saniert. Dass die Besucher den Turm wie geplant zu Pfingsten begehen können, sei allerdings „kaum zu halten“, sagt Denkmalschützerin Katrin Witt. Gleichwohl befänden sich die „Baumaßnahmen in den letzten Zügen“, sodass die Gäste Ende Juni oder Anfang Juli auf den Turm steigen und die Gegend von oben erblicken können. Darauf warten auch die Mitarbeiter der städtischen Beschäftigungsgesellschaft BAS, die den Industrielehrpfad vor fünf Jahren ins Leben rief.

Das Interesse am Projekt sei in den vergangenen Wochen groß gewesen: „Wir haben täglich Nachfragen“, sagt Erhard Werner im Rückblick auf den ersten Monat der diesjährigen Saison – die Ausstellung läuft von Mai bis Oktober. Der Sommer lockt die Menschen in die Natur. Plus: Der Havelradwanderweg, der seit Anfang Mai in Kirchmöser fertig ist, sei beliebt und bringe zahlreiche Touristen mit.

Info: Der Industrielehrpfad ist mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Informationen gibt es unter 0 33 81/20 87 40 22.





Der Lehrpfad: Auf den Spuren der Geschichte

Auf dem Industriegelände Kirchmöser entstanden von 1914 bis 1919 398 Bauten. Durch die Industrialisierung entwickelte sich aus der 300-Seelen-Gemeinde Möser die Industriesiedlung Kirchmöser mit rund 4500 Einwohnern.

Der Industrielehrpfad besteht aus zwei Wanderwegen: Der kurze Rundweg, vier Kilometer lang, beginnt am Nordtor, Obelisk und Seegarten. Er verläuft am Hauptverwaltungsgebäude, Wasserturm und Kraftwerk, führt entlang der Badeanstalt und Westschule (früher: Pulverpresswerk), hin zu den Offiziershäusern und Villen. Der acht Kilometer lange Pfad schließt die chemische Versuchsanstalt, die Ostkapelle, die Dorfkirche, das Kriegerdenkmal, den Bahnhof, das Rathaus und das Lokomotivwerk ein.



Dmitri Steiz, Panzer, Pulver, Planken. Auf Entdeckungsreise entlang des Industrielehrpfades Kirchmöser auf, in: Märkische Allgemeine. Zeitung für das Land Brandenburg, Brandenburger Stadtkurier, 7. Juni 2011, S. 15.
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