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steiz.eu - Dmitri Steiz aus Brandenburg - Journalist

Ich sehe „Endlich schwarz“

MEDIEN Aus für die „Financial Times Deutschland“: Auf der Suche nach der finalen Ausgabe


Dass eine große Wirtschaftszeitung binnen weniger Stunden ausverkauft ist, hat einen Grund: Das Ende der „Financial Times Deutschland“. Ein Erlebnisbericht von Dmitri Steiz.

Spät – es ist bereits Nachmittag – mache ich mich auf den Weg zum Zeitungskiosk. Ich weiß: Heute erscheint die „Financial Times Deutschland“ (FTD) zum letzten Mal. Seit Stunden brennt das Internet, die finale Ausgabe wird auf zahlreichen Kanälen heiß diskutiert. Vom „Zeitungssterben“ ist die Rede. Ich erhöhe das Lauftempo, ahne, die „Final Times“ interessiert nicht nur Journalisten wie mich.


Dmitri Steiz liest die finale FTD

Ich lese 'Endlich schwarz' (Dmitri Steiz). Foto: privat.

Mehr als ein Dutzend Jahre lang war das anders: Seit ihrer Gründung in 2000 schrieb die FTD rote Zahlen, verlor Käuferleser und Abonnementen. Insgesamt habe das lachsfarbene Wirtschaftsblatt seinem Verlagshaus „Gruner + Jahr“ einen Verlust von 250 Millionen Euro beschert, gab dieser kürzlich bekannt. Jetzt ist Schluss. 364 Mitarbeiter verlieren zum Jahreswechsel ihren Posten.

Mein Weg durch die Stadt Brandenburg führt zum Kiosk „Eckert“ am Hauptbahnhof. „Die kam heute gar nicht rein“, sagt die Verkäuferin. Ich laufe in die Innenstadt, zur Sankt-Annen-Galerie, schaue bei „Rewe“ vorbei: Hm, einige Zeitungsspalten sind leer – da könnte sie gelegen haben, die letzte FTD-Ausgabe.

In dieser „Final Times“ bieten die Macher auf 44 Seiten einen bunten Rückblick auf die deutsche Wirtschaftsgeschichte und ihre investigativen Höhepunkte: Rente mit 67 Jahren, Kollaps der Hypo Real Estate, Milliardenhilfe für Griechenland – die FTD hat‘s als erste gemeldet. Ein Leckerbissen der lachsrosa Ausgabe sind zahlreiche Anspielungen und Überraschungen, sie enthält den „letzten Willen“ der Redaktion und eine „Entschuldigung“.

Ich möchte eine Kostprobe davon, ein einziges Exemplar. „Haben wir nicht“, erwidert die Frau im Laden in der Sankt-Annen-Straße. „Nein, leider nicht“, höre ich in der Hauptstraße. „Die Zeitung jibt dit doch jar nich mehr“, sagt der Verkäufer in der Steinstraße und wundert sich, wozu ich das Ding brauche?! Das dachten sich wohl immer mehr Menschen in den vergangenen Jahren.

Was hat das Wirtschaftsblatt falsch gemacht? „Wir haben als Redaktion zu spät darauf hingewirkt, dass wir uns im Internet ein Geschäftsmodell überlegen“, vermutet der Vize-Chefredakteur der FTD, Sven Oliver Clausen, im „Deutschlandradio Kultur“. Auch hätten „vielleicht“ die Inhalte so aufbereitet werden müssen, dass sie eine breitere Leserschaft finden, fügt er hinzu.

Die letzte Ausgabe hat dagegen ihre breite Leserschaft gefunden. Ich will dazu gehören und weite meinen Suchkreis aus. Brandenburg ist doch nicht so klein – in irgendeinem Geschäft, irgendeinem Regal, hinter irgendeiner Theke wird es das Blatt doch geben. Oder?

„Ausverkauft“: Die „Financial Times Deutschland“ gibt im Internet bei „Facebook“ bekannt, was meine Hoffnungen auf ein finales Exemplar (fast) zerstört. Ein Mitarbeiter postet: „Wir hören von bundesweiten Kiosk-Plünderungen. Die FTD ist aus – wäre es doch nur immer so gewesen.“

„Es ist Freitag, doch nicht der 13!“, denke ich mir. Egal. Ich setze meinen Weg durch die Geschäfte der Havelstadt fort, surfe gleichzeitig im Internet. Treffer: Die finale Ausgabe der FTD taucht bei „eBay“ auf. Der Blick auf den Preis bringt Ernüchterung wie eine kalte Dusche: 23 Euro für ein Exemplar.

Ich gebe nicht auf, mobilisiere meinen Papa. Seine Tour: die Tankstellen in Hohenstücken – Shell, HEM, Aral. Und? Nichts, nada, niente! Was mache ich? Ich rufe einen Bekannten an, Steffen, er arbeitet bei „Kaufland“ im Einkaufszentrum Wust, „Schaue bitte nach!“

Bis ich das finale Blatt habe, lese ich die Beiträge der FTD-Journalisten im Internet, mich entzückt das Gedicht von Georg Dahm zum Nikolaustag: „Die rosa Socken bleiben leer, der Wind pfeift durch die Maschen, das Licht geht aus, das Herz wird schwer, die Redaktion leert Flaschen.“

Abends besuche ich meine Eltern und… sehe „Endlich schwarz“ – den Titel der finalen Ausgabe der FTD (eine Anspielung auf die schwarzen Zahlen, die das Blatt nie zu schreiben vermochte). Papa hat es geschafft, doch noch ein Exemplar der begehrten Zeitung zu ergattern – „die letzte“, sagt er, gekauft bei „Real“ im Beetzsee Center.

Ja, es ist ein Hype, der um die „Final Times“ entstand. Doch es ist mehr: Es ist die Erinnerung an und der Ruf nach mehr Qualitätsjournalismus. Ihren „letzten Willen“ beendet die Wirtschaftszeitung mit den Worten: „Die FTD ist überzeugt, dass Journalismus auch weiterhin gebraucht wird. Und dass er von den Lesern gewollt wird. Wenn er gut ist.“

Auf der allerletzten Seite verneigen sich die FTD-Mitarbeiter – in Trauerkleidung – und entschuldigen sich bei den Gesellschaften dafür, dass sie „Millionen verbrannten haben“, bei den Politikern, dass sie diesen „so wenig geglaubt haben“, bei den Lesern, dass „dies jetzt die letzten Zeilen der FTD sind“. „Aber“, versichert die Redaktion, „wir würden es jederzeit wieder genauso machen.“



von Dmitri Steiz


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