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steiz.eu - Dmitri Steiz aus Brandenburg - Journalist

Überleben im Versteck

THEATER   Schüler arbeiten Schicksale jüdische Kinder im Nationalsozialismus auf

Höre: Es fährt ein Zug. Siehe: Mehrere Kinder verstecken sich in einem der Waggons unter alten Holzkisten. Plötzlich verhallt der monotone Ton des Klackens der Räder auf den Schienen. Ein Mann mit einer Taschenlampe in der Hand betritt den Waggon. Er lauscht, leuchtet in Richtung der Kinder und schreit: „Juden!“ Sie rühren sich keinen Zentimeter. Die Mädchen und Jungen sind blass, sie haben Angst, sind verzweifelt.

Diese bewegende Szene ist ein Ausschnitt aus dem Theaterstück „Überleben im Versteck“, das die Schüler der Nelson-Mandela-Schule aus Berlin dieser Tage im Schloss Gollwitz aufführten. Das Projekt ist eine Collage aus Erzählung, Choreografie, Licht- und Klangeffekten und behandelt Themen wie Ausgrenzung, Schmerz und Not jüdischer Kinder im Nationalsozialismus.

Rund 50 Gäste ließen sich in die Schreckenszeit zurückversetzen: Schüsse, Schreie, Hundebellen und weinende Kinder erschütterten das Publikum sichtlich. Immer wieder wurde es aber sehr still. Dann erklangen leise Gitarrentöne und lebendige Dialoge der jungen Protagonisten – um allerdings im nächsten Moment wieder unterbrochen zu werden. Weil einmal mehr, wie aus dem Nichts, Flugzeugturbinen und Alarmsirenen dröhnten.

Um die Zeit begreifen zu können, die Spannung zu halten und möglichst authentisch zu sein, trafen sich die Berliner Schüler im Voraus mit der Zeitzeugin Andrée Leusink. Die Jüdin hatte als Kind den Holocaust miterlebt. „Sie hat uns ihre Lebensgeschichte erzählt. Das war sehr, sehr hart“, berichtet die Schülerin Maiko Maares (19), die auf der Bühne selbst ein Opfer verkörpert. Auch sei Andrée Leusink bei der Premiere des Theaterstücks im Februar in Berlin „sehr ergriffen“ gewesen, sagt Maares. Das sei ein Zeichen dafür gewesen, dass die jungen Schauspieler die Schicksale der Opfer glaubwürdig wiedergaben.

Doch ebenso anstrengend, wie sich in die Opferrolle zu versetzen, sei es, danach davon wieder loszulassen, weiß die Schülerin Anna-Lucia Schürmann (18): „Das schwierigste ist, sich vom Leid loszuschütteln.“

Für die Mühe erntete die Theatergruppe im Anschluss an die Aufführung im Gollwitzer Schloss lang anhaltenden Applaus. „Man merkt, dass viel Arbeit drinsteckt“, urteilte der Gast Sebastian Hnat (18), den die Dramatik und die Realitätsnähe der Arbeit der jungen Leute gepackt und beeindruckt habe.



Dmitri Steiz, Überleben im Versteck. Schüler arbeiten Schicksale jüdische Kinder im Nationalsozialismus auf, in: Märkische Allgemeine. Zeitung für das Land Brandenburg, Brandenburger Stadtkurier, 21. Juni 2011, S. 14.
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